Warum hatte Germanicus Löcher am Kopf? – Zu einem neuen Marmorkopf in der Freiburger Archäologischen Sammlung

Please download to get full document.

View again

of 14
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Categories
Published
Warum hatte Germanicus Löcher am Kopf? – Zu einem neuen Marmorkopf in der Freiburger Archäologischen Sammlung
   W   ARUM   HATTE  G ERMANICUS  L ÖCHER     AM  K  OPF ? Zu einem neuen Marmorkopf in der Freiburger Archäologischen Sammlung  F RANK   H ILDEBRANDT Seit Herbst 2004 bendet sich in der Archäologischen Sammlung der Universität Freiburg ein frühkaiserzeitlicher Marmorkopf mit der Inventarnummer S 537 (Abb. 1-11) 1 , dessen technische Be-sonderheiten und Identizierung hier behandelt werden sollen.Es handelt sich um den nahezu lebensgroßen Porträtkopf eines Mannes 2  aus parischem Marmor 3 . Der Kopf ist leicht nach rechts gedreht und neigt sich kaum merklich nach unten. Kopfwendung und fehlende Gewandansätze lassen offen, ob es sich um einen Einsatzkopf oder eine Büste handelt.Die linke Gesichtshälfte ist bis zur Wange und zum Hinterkopf schräg abgebrochen (Abb. 1). Kinn, rechte Augenbraue, Stirnpartie sowie die linke Wange sind stark bestoßen. Die Nase fehlt  vollständig. Ebenso fehlen die Ohren, an deren Stelle je ein nahezu rechteckiges Loch eingetieft ist (Abb. 3-4. 8-9). Die Kalotte weist einzelne Abplatzungen und Bestoßungen auf, insbesondere ei-nige Wölbungen der Locken sind beschädigt. Der Hals ist unregelmäßig schräg abgebrochen. Die Oberäche ist geringfügig verwittert. In der linken Gesichtshälfte sowie an der großen Bruchäche am Kopf und am Hals ist die Oberäche durch eine beige Patina mit Spuren von Panzenwuchs verfärbt. Über der ersten Lockenreihe benden sich Spuren eines länglichen, auf der Bruchäche noch nach- weisbaren Kanals, der im unteren Bereich einen geringen Knick aufweist (Abb. 10) 4 . Auf der Kalotte ist die antike Oberäche verrieben. Verwitterungsspuren auf der vorderen Lockenreihe lassen feinere Details der Gestaltung kaum erkennen. Die linke Rückseite ist im Bereich des Halses und des äußeren Konturs längs abgeschlagen (Abb. 2). Ausgehend von der Wangenpartie verbreitert sich der Kopf kontinuierlich bis zum Haaransatz. Das Gesicht weist einen nahezu ovalen Umriß auf. Unter dem leicht schräg gestellten rechten Auge  wölbt sich direkt der Wangenknochen hervor, die Wange fällt ein wenig ein. Das Karnat ist weich und gespannt. Die Wange wird von einem in sehr achem Relief gearbeiteten Bart überzogen (Abb. 1), der  wohl bis zum Ansatz des Kinns herabgeführt war. Er besteht aus kleinen, querliegenden s-förmigen Locken, die überaus feinteilig gearbeitet sind. Den Übergang zwischen Haupthaar und Bart bilden zwei kleine waagerechte Lockenspitzen unter der Haarkante (Abb. 3).  F RANK   H ILDEBRANDT 2  Abb. 1 Germanicus (Freiburg, Archäologische Slg. Inv. S 537) Abb. 3 Ansicht der rechten Seite Abb. 2 Rückansicht Abb. 4 Ansicht der linken Seite   W   ARUM   HATTE  G ERMANICUS  L ÖCHER     AM  K  OPF ? Die Haare liegen glatt am Kopf an, ledig-lich über der Stirn ist die vordere Lockenpartie  voluminöser ausgearbeitet; sie tritt ungefähr 0,4-0,6 cm vor die Stirnäche. Die dicken, kompakten Locken sind nur wenig differenziert gestaltet, was mit einer durch eine farbige Fassung kaschierten ›Vereinfachung‹ der bildhauerischen Arbeit zu er-klären ist. Neben einfachen Sichellocken nden sich auch s-förmig geschwungene Partien. Die Locken am Hinterkopf und auf der Kalotte sind breit und langgezogen mit starken Krümmungen. Die Haare reichen sowohl an den Seiten als auch am Hinterkopf tief in den Nacken, wobei sie an den Seiten deutlich an Volumen gewinnen. Die am Hinterkopf in einer Haarspinne zusam-menlaufenden Strähnen sind im Zentrum nicht plastisch gearbeitet, was wiederum auf eine Detailangabe durch Bemalung weist. Im oberen Bereich der Spinne sind die Haarsträhnen einfach zur rechten Kopfseite gebogen, im unteren eben-falls; sie ergeben links eine Gabel (Abb. 5).Die rechte Seite des Halses ist durch zwei kräftige, sich vorwölbende Muskelstränge gekennzeich-net (Abb. 1), die direkt untereinander liegen. Aufgrund der starken Bestoßungen ist eine Differenzierung der linken Seite nicht zu erkennen. In der Seitenansicht (Abb. 3) wird deutlich, daß die Halsmuskulatur steiler schräg nach unten verläuft und daß der Kropf direkt unter dem Unterkiefer ansetzt. Auch hier liegt das Karnat weich auf den Muskeln.Der Erhaltungszustand erschwert eine Identizierung, da wesentliche Merkmale wie z. B. die Gesichtsausbildung mit Kinn, Nase und Augenbrauen fehlen. Sein allgemeines Erscheinungsbild weist den Kopf bereits in die frühe römische Kaiserzeit. Die eng anliegenden lockigen Haare, die Ausbildung des Haarformulars und die Grundzüge des Gesichtes erlauben – trotz der starken Beschädigungen  – eine genauere Bestimmung. Vor allem eine Untersuchung des Lockenformulars über der Stirn und an der rechten Seite – zumal da die Locken im Vergleich zum restlichen Haupthaar überaus prononciert angegeben sind – läßt an ein Mitglied des iulisch-claudischen Kaiserhauses denken.Die Frisur besitzt über der Stirn ein Gabel-Zangen-Motiv (Abb. 6-7): Mittig über dem rechten  Auge bendet sich eine kleine Zange; die Spitze der linken, nach rechts gebogenen, breiten Locke schließt die Zange ab. Ihr sind zwei nach unten gebogene Sichellocken entgegengesetzt. Es folgt rechts eine weitere nach unten gerichtete Locke, die eine kleinere Gabel ausbildet (Abb. 7). Auf die Gabel folgt an der Schläfe eine Staffelung von vier kräftigen, nach unten gerichteten Locken. Darunter liegt eine weitere schmale sichelförmig zum Gesicht geführte Strähne, mit der das Haarmotiv an der Seite einen Abschluß ndet.Zur Bestimmung des Dargestellten ist es hilfreich, die Frisur im Detail zu betrachten: Kriterien sind dabei die kleine Zange über dem rechten Auge sowie Gabel und Lockenstaffelung an der rechten Schläfe (Abb. 6).Die Zange über dem rechten Auge ndet sich nach D. Boschung bei dem Porträt des Augustus in den Typen Lucus Feroniae und Alcudia 5 , den Bildnissen des Gaius Caesar 6 , dem Typus Cassino- 3  Abb. 5 Aufsicht  F RANK   H ILDEBRANDT Karthago des Lucius Caesar 7 , dem Typus Newby Hall des Agrippa Postumus 8 , Tiberius in den Typen Berlin-Neapel-Sorrent und Chiaramonti 9 , Germanicus im Adoptionstypus und dem Typus Béziers 10 , dem Typus Luni des Drusus Minor 11 , den Typen La Spezia und Korinth-Stuttgart des Nero Germanici 12  sowie dem Haupttypus des Claudius 13 . Aus dieser recht umfangreichen Reihe, die die Beliebtheit und die Charakteristik dieses Motivs verdeutlicht, sind jedoch nur die Porträts des Germanicus und Tiberius enger mit dem vorgelegten Kopf zu vergleichen. Die an der Schläfe folgende Partie erlaubt nun eine Identizierung, denn das Zangenmotiv und die Lockenstaffelung sind am Typus Chiaramonti des Tiberius und an den Bildnissen des Germanicus nachzuweisen. Die Gesichts- und Schädelform schließt eine Benennung als Tiberius sicher aus 14 . Es muß sich demnach um ein Bildnis des Germanicus handeln 15 .Der Adoptionstypus und der Typus Béziers der Germanicus-Bildnisse lassen sich mit dem vorlie-genden Stück vergleichen 16 . Das Frisurenmotiv variieren beide Typen nur gering. Dem Adoptionstypus entspricht die kleine Gabel am oberen Ansatz der Schläfe des Freiburger Kopfes sowie die nach unten gekämmte Staffelung der Strähnen. Auch eine hinter dieser vorderen Lockenreihe liegende doppelte Strähnenführung, die nach oben aufgedreht ist, entspricht diesem Typus.Bei dem Einsatzkopf des Germanicus aus Cordoba, heute Paris, Louvre MA 3135 17 , sind die Strähnen neben der Gabel eher additiv aneinandergereiht und sehr schmal gegeben, was an der Ne-benseite die Einfügung weiterer Locken erforderte. Anders ist dies bei einem weiteren Porträt in Paris, Louvre MA 4712 18 , bei dem die Strähnen nach unten geführt sind und nur durch eine nach vorn gebo-gene zusätzliche Strähne über dem Ohr abgeschlossen werden. Die Haarführung dieses Kopfes kommt dem Freiburger Porträt im Duktus sehr nahe. Beide Bildnisse sind dem Adoptionstypus zuzuordnen 19 , der, wie A. K. Massner gezeigt hat 20 , aufgrund des Gabel-Zangen-Motivs auf das Adoptionsporträt des Tiberius und damit auf die von Augustus initiierte Adoptionskette hinweist. Keine direkte Über-einstimmung läßt sich dagegen für das Zangenmotiv über dem rechten Auge aufzeigen: Während bei den Bildnissen des Adoptionstypus die linke Strähne kleiner ist und von der kräftigeren rechten, die 4  Abb. 6: Frontalansicht (Umzeichnung) Abb. 7: Rechte Seite (Umzeichnung)   W   ARUM   HATTE  G ERMANICUS  L ÖCHER     AM  K  OPF ? nach außen weist, überschnitten wird, ist das Formular in Freiburg in gegensätzlicher Manier angege-ben. Eher gleicht die Bildung der Zange dem Typus Béziers 21 , wobei diesem wiederum eine sehr dicke rechte Strähne und das Fehlen der Staffelung an der Schläfe eigen ist. Eine stärkere Übereinstimmung des seitlichen Haarformulars ndet sich auch bei dem Kopf München, Glyptothek Inv. 409A 22 . In dieser Reihe ist des weiteren der namengebende Kopf von Béziers in Toulouse zu nennen 23 , dessen Haarformular eher schematisch gearbeitet ist; die seitlich gestaffelten Locken liegen hier allerdings hintereinander, ihre Spitzen am Gesicht sind aber dennoch abgestuft. Etwas weniger signikant ist der Kopf Rom, Museo Nazionale Romano Inv. 125.712, bei dem das Motiv weit zur rechten Seite verscho-ben worden ist. Die Staffelung gleichmäßiger Strähnen an der Schläfe ndet sich auch bei einer Statue des Germanicus im Typus capite velato , der aus der Basilica von Veleia stammt 24 .Eines der besten, wenn auch gattungsbedingt nur sehr klein wiedergegebenen Bildnisse des Ger-manicus stammt von einer Didrachmen- und Drachmen-Prägung aus Caesarea in Kappadokien 25 : Der  Avers zeigt den Kopf im Prol nach rechts. Neben dem Haarmotiv, das deutlich zu erkennen ist, wer-den auch die untere Lockenstaffelung angedeutet und der sich bis zum Kinn fortsetzende Bart angege-ben. Das stempelfrische, von U. Hausmann vorgelegte Exemplar zeigt nun deutlich, daß es sich um den  Typus Béziers handelt 26 . Diese Prägung wird im allgemeinen caliguläisch oder claudisch datiert, da erst unter Claudius Drachmenprägungen aus Caesarea bekannt sind. Folgt man der zeitlichen Ansetzung der Prägetätigkeit, ist »dieses Münzbild als Darstellung aus der Lebenszeit des Germanicus auszuschei-den« 27 . Die Münze belegt zweifelsfrei, daß der Typus Béziers auch nach dem Tod des Germanicus  weiterhin bei der Herstellung von Bildnissen gültig war und Verwendung fand 28 .Der Germanicus-Kopf in Freiburg ist demnach dem Typus Béziers zuzurechnen, obgleich er in der seitlichen Haarpartie leicht abweicht. Ist eine Zuordnung anhand des Stirn- und Schläfenhaares ei-nigermaßen möglich, kann noch ein weiteres gestalterisches Moment die Zuweisung zu diesem Typus stützen: Unter den Haaren setzen zwei sehr kleine, s-förmig geschwungene Strähnen an, die den Beginn eines sehr ach, aber äußerst minutiös ausgeführten Bartansatzes bilden. Zwar weist der Adoptionstypus geringe Spuren dieser feinen Strähnen auf Höhe der inneren Ohrmuschel auf, der Bart selbst tritt aber nur bei einigen Bildnissen im Typus Béziers auf  29 . Neben der bereits erwähnten Münze aus Caesarea Cappadocia besitzt auch ein Kopf in Kopenhagen 30  sowie ein weiterer in Berlin aus Samos 31  dieses Merkmal. Beide Köpfe dürften erst in nachtiberischer Zeit entstanden sein 32 . Auch ein Kolossalkopf aus Leptis Magna besitzt einen Wangenbart 33 , der aber recht undifferenziert ausgeführt ist.Zu dieser aufgrund des Erhaltungszustandes des Freiburger Kopfes nicht zwingend abzusi-chernden Identizierung treten weitere Kennzeichen der allgemeinen Physiognomie des Kopfes. Drei Merkmale können allein und kombiniert die Benennung des Kopfes als Germanicus absichern: Besonders markant ist der im Prol zu erkennende Knick am Hinterkopf auf Höhe des oberen Drittels,  von dem im weiteren Verlauf eine steil schräg abfallende Linie in den Hals übergeht. Vergleichbar sind die Köpfe Paris, Louvre MA 3135, München, Glyptothek Inv. 409A, Rom, Kunsthandel 34 , Rom, Museo Nazionale Romano Inv. 125.712 35 .Ein weiteres Kennzeichen ist der direkt unter dem Kiefer ansetzende Kropf, der bei nahezu allen Germanicus-Porträts nachweisbar ist. Eher weniger markant, da auch durch die Haltung des Kopfes mitbedingt, ist die Muskelführung am Halsmuskel. Diese ist nicht nur sehr steil angegeben, sondern besteht aus zwei direkt aneinander grenzenden Muskelsträngen gleicher Breite (Abb. 8). Als  Vergleiche können die Köpfe Paris, Louvre MA 3135 und MA 4712, München, Glyptothek Inv. 409A und Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptotek Inv. 629 herangezogen werden. Besonders ausgeprägt ndet sich dieses Kennzeichen bei dem Münzbildnis der Drachmen-Prägung von Caesarea Cappadocia, wo der untere Muskelstrang an der Kante des Nackenhaares ansetzt und deutlich eingetieft ist. 5
Similar documents
View more...
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks
SAVE OUR EARTH

We need your sign to support Project to invent "SMART AND CONTROLLABLE REFLECTIVE BALLOONS" to cover the Sun and Save Our Earth.

More details...

Sign Now!

We are very appreciated for your Prompt Action!

x