Wächter aus der Luft. Drohnen als Schutzpatrone deutscher Bodentruppen in Afghanistan.

Please download to get full document.

View again

of 17
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Published
Im Fokus dieses Beitrages soll die Unterstützung der in Afghanistan operierenden Kräfte der Bundeswehr durch Drohnen liegen. Diese Betrachtung erfolgt aus soldatischer Sicht und gestützt auf die eigene Einsatzerfahrung als Kompaniechef in der
  Wächter aus der Luft. Drohnen als Schutzpatrone deutscher Bodentruppen in Afghanistan. Marcel Bohnert Einleitung: Herausforderungen Neuer Kriege Viele Konflikte der heutigen Zeit haben keinen klar erkennbaren Beginn, schwelen über mehrere Jahre in unterschiedlichen Intensitäten und lassen sich in ihrem Verlauf nur schwierig einschätzen. Sie werden von zahlreichen Akteuren mit undurchsichtigen Interessen betrieben, die sich an gewaltsamen  Auseinandersetzungen beteiligen und staatliche Strukturen unterhöhlen. Irreguläre Kämpfer bewegen sich dabei oft in dynamischen kleinen Gruppen kaum erkennbar inmitten der Zivilbevölkerung und ignorieren das Humanitäre Völkerrecht. Durch die so entstehende Fragmentierung des Gefechtsfeldes sind Frontlinien oft kaum zu definieren. Die Frage, wie die Internationale Gemeinschaft auf solche Szenarien am besten reagieren soll, kann derzeit nicht allgemeingültig beantwortet werden. Der Konflikt in Afghanistan weist viele Charakteristika dieser neuen Kriegsform auf. In der ISAF 1 -Mission wurde ab 2010 die sog. Counterinsurgency-Strategie implementiert. Ihr liegt die Annahme zu Grunde, dass nicht die Bekämpfung der Gegner, sondern die Zuwendung zur Bevölkerung im Zentrum aller Anstrengungen stehen muss, um eine nachhaltige Wende des Konfliktes herbeizuführen. Dieser  Ansatz zwingt Soldatinnen und Soldaten dazu, sich unmittelbar in die Bevölkerung zu begeben und sich nicht in der Anonymität  –  in schwer gepanzerten Gefechtsfahrzeugen oder hinter hohen Lagerzäunen  –  zu verstecken. Er bedeutet damit gleichzeitig ein besonderes Fähigkeitsprofil und eine höhere Gefährdung dieser Truppen. Im Fokus dieses Beitrages soll die Unterstützung der in Afghanistan operierenden Kräfte der Bundeswehr durch Drohnen liegen. Diese Betrachtung erfolgt aus soldatischer Sicht und gestützt auf die eigene Einsatzerfahrung als Kompaniechef in der nordafghanischen Provinz Kunduz. Vorzüge und Nachteile des Drohneneinsatzes werden sowohl aus taktisch-operativer Perspektive als auch wissenschaftlich-theoretisch beleuchtet. Damit soll ein Verständnis für die Erfordernisse von Bodentruppen erzeugt und in die Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Drohneneinsätzen eingebracht werden. 1  ISAF: International Security Assistance Force, Bezeichnung der internationalen Schutztruppe in Afghanistan, ab  Januar 2015 vermutlich »Resolute Support Mission«    Status Quo des Einsatzes von Drohnen in Afghanistan “Troops do not like to move without   them. “   2   Bei Drohnen handelt es sich um unbemannte Luftfahrzeuge, die vom Boden durch Bediener, sog. Drohnenpiloten, gesteuert werden. Es gibt viele unterschiedliche Drohnen, die in ihrem Gewicht, ihrer Reichweite und ihren Einsatz- sowie Wirkmöglichkeiten erheblich variieren. In der Diskussion um Drohneneinsätze gilt es deshalb zunächst, eine grundlegende Unterscheidung zwischen Aufklärungs- und bewaffneten Drohnen vorzunehmen: Aufklärungsdrohnen dienen ausschließlich der Informationsgewinnung, Abschreckung und Überwachung. Sie sind unbewaffnet und verfügen dementsprechend über keinerlei Angriffskapazitäten. Hingegen sind bewaffnete Drohnen oder Kampfdrohnen mit Raketen ausgestattet oder können im Falle sog. Kamikazedrohnen sogar selbst als Waffe zum Einsatz gelangen. 3  Eine weitere Kategorie, die der waffenfähigen Drohnen, hat das Potenzial, durch entsprechende Um- bzw. Aufrüstung mit Waffen ausgestattet zu werden. Seit den für die Bundeswehr intensiven Jahren in Afghanistan steht im Felde eingesetzten Kräften eine große Fülle sog.  Air Assets  zur Verfügung. Bodentruppen können in der Operations- und Patrouillenplanung für bestimmte Zeitfenster Luftunterstützung anfordern und dabei regelmäßig auf Drohnen, Helikopter oder Kampfflugzeuge zurückgreifen. Und um es klar zu sagen: Zwar dienen diese Systeme in vielen Fällen lediglich der Show of Force  oder zur Aufklärung, sie werden bei Feindkontakt nach Möglichkeit aber auch als Wirkmittel gegen gegnerische Kräfte eingesetzt. So auch im September 2009, als der verantwortliche deutsche Kommandeur des Provincial Reconstruction Teams Kunduz   , der damalige Oberst und heutige Brigadegeneral Georg Klein, zwei amerikanische F15-Jets sowohl zur Beobachtung als auch zur späteren Bekämpfung der im Kunduz-River feststeckenden Tanklastzüge nutzte.  Aufklärungssysteme stehen deutschen Truppen aber bereits auf niedrigen Führungsebenen zur Verfügung: Spähtrupps der Heeresaufklärungstruppe sind beispielsweise mit dem System Aladin   ausgestattet .  Diese elektrobetriebene Propellerdrohne kann per Hand gestartet und mit einer Reichweite von etwa 5.000 Metern eingesetzt werden. Kampfkompanien wurden mit mehreren Kleinfluggeräten 2   Sharkey, Noel: Saying ‘No!’ to lethal autonomous targeting, Journal of mil itary ethics, 2010, p. 370. 3   Beispiele für Kamikazedrohnen sind die israelischen »Harop« und »Harpy« sowie die amerikanische »Switchblade«.  vom Typ Mikado ausgerüstet. Dabei handelt es sich um einen elektroangetriebenen Hubschrauber mit vier Rotoren, der durch speziell ausgebildete Soldatinnen und Soldaten der Einheiten bedient werden kann. In bis zu 1.000 Metern Entfernung ist es so ohne größere Vorbereitung möglich, sich einen Überblick über schwer zugängliches Gelände oder verwinkelte Straßenzüge zu verschaffen. Sowohl Aladin als auch Mikado fliegen in sehr geringer Höhe und können nach Rücksprache mit der Operationszentrale selbstständig durch ihre im Felde befindlichen Bediener eingesetzt und gesteuert werden. Es gilt sich lediglich zu vergewissern, dass der Luftraum im Flugbereich frei ist, um Störungen und Zusammenstöße zu verhindern. Die Aufklärungsdrohne KZO wird per Raketenantrieb aus den Feldlagern gestartet und stand den deutschen Gefechtsverbänden in den Provinzen Kunduz und Baghlan seit 2009 routinemäßig zur Verfügung. Mit einer Einsatzdauer von drei bis vier Stunden, einer Aufklärungstiefe von bis zu 65 Kilometern und einer Infrarotkamera ausgestattet ist sie gut auf die Erfordernisse von Bodentruppen zugeschnitten. Da in Afghanistan auf mehrere Systeme zurückgegriffen werden kann, wird sie zudem oft im Rotationsprinzip eingesetzt, was ihre Verfügungszeit für die Kräfte im Raum noch erhöht. Nachteilig sind lediglich ihre lauten Propellergeräusche, die  –  ähnlich wie bei Aladin und Mikado  –  keinen unauffälligen Einsatz ermöglichen und gegnerische Kräfte vermutlich oft die eigene Absicht erahnen lassen. Andererseits kann ihre Präsenz ebenso eine abschreckende bzw. vorbeugende Wirkung haben. 4  Die Bundeswehr verfügt im Afghanistan-Einsatz weiterhin über drei geleaste israelische Drohnen vom Typ Heron. Mit einer Flughöhe von bis zu 10.000 Metern sind sie am Boden in der Regel kaum wahrnehmbar. Da sie in dieser Höhe länger als 24 Stunden eingesetzt werden können, eignen sie sich gut zur Generierung langfristiger Aufklärungsergebnisse, die als ausgewertete und aufbereitete Informationen zur Truppe gelangen. Die US-amerikanische Predator-Drohne kann bei Verfügbarkeit ebenso wie amerikanische Kampfhubschrauber vom Typ Apache, F-15 Eagle-Kampfjets oder Black Hawk-Rettungshelikopter auch für deutsche Kräfte zum Einsatz gelangen. Damit stehen diesen Truppen in der Operationsführung bewaffnete Systeme in der Luft zur Verfügung, die bei vorliegenden Voraussetzungen auch genutzt werden können. Beim Einsatz der Predator können 4    Vgl. Bohnert, Marcel / Schreiber, Björn, 200 Tage Kunduz. Erfahrungen einer Kampfkompanie in Afghanistan.  Vortrag, Fotopräsentation, Diskussion, 3. Auflage, Video-Doppel-DVD, Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, Hamburg, 2014.  deutsche Truppen bei Feindkontakt beispielsweise mit dem Abschuss einer Hellfire-Rakete unterstützt werden. Es sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, dass die Leistungsfähigkeit von  Air Assets  durch geografische und klimatische Einflüsse beeinträchtigt werden kann. So behindern dichter Bewuchs oder eine geschlossene Wolkendecke unter Umständen die Sicht. Bei starkem Wind, Sandstürmen, Regen oder Nacht sind bestimmte Systeme nicht oder nur eingeschränkt einsetzbar. Davon abgesehen ist es für Bodentruppen nicht immer zu beeinflussen und manchmal auch unerheblich, welche  Air Assets  ihnen für Operationen zur Verfügung gestellt werden. Einheitsführer fordern bei ihrem Verband Unterstützungsleistungen an, die je nach  Auftrag und Verfügbarkeit gewährt und zugewiesen werden. So kann es vorkommen, dass die zweistündige Überwachung einer Fußpatrouille durch Kampfhubschrauber angefordert und eine bis zu vierstündige Überwachung durch eine  Aufklärungsdrohne zugeteilt wird. Die taktischen und sensorischen Vor- und Nachteile des zugewiesenen Systems gilt es dann wiederum in der Patrouillenplanung zu berücksichtigen. Drohnen im öffentlichen Diskurs  „I have a dream“ Martin Luther King  „I have a drone“ Barack Obama 5  In deutschen Medien genutzte Bezeichnungen wie »Killerdrohnen«, »Hinrichtungsinstrumente« oder »Kriegsmaschinen« sind nur winzige Schlaglichter aus einer vielschichtigen und polarisiert geführten Debatte. Sie verläuft zuweilen emotional oder polemisch und ist mit hohen Ansprüchen an ethische und völkerrechtliche Maßstäbe überfrachtet. Im Sommer 2012 forderte der damalige Bundesminister der Verteidigung, Thomas de Maizière, einen gesellschaftlichen Diskurs über den Einsatz von Drohnen und stieß diesen mit teils provokanten Äußerungen an. Unter anderem artikulierte er, dass Drohnen als »ethisch neutrale Systeme« zu betrachten seien, was in der Bevölkerung und den Medien ein eher negatives Echo hervorrief. Das inzwischen 5 Plakataufschrift während eines Protestes gegen den Einsatz von Drohnen im Westlake Park, Seattle, USA am 17. April 2013.  gestoppte und als »Drohnendebakel« bekannt gewordene Projekt »Euro Hawk« verstärkte diese generelle skeptische Grundhaltung noch. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen Drohnen oft in unmittelbarem Zusammenhang mit der amerikanischen Strategie des »targeted killing«  –  der gezielten Tötung von hochrangigen Terroristen. 6  Nach offiziellen Angaben wurde erstmalig im Jahre 2002 eine Kampfdrohne eingesetzt, um einen hohen Führer von  Al-Qaida im Jemen zu töten. 7  Bewaffnete US-Drohnen wurden seither auch in  Afghanistan, Pakistan, Irak sowie Libyen und Somalia zum Einsatz gebracht. 8  Sie sind damit längst zu einem wichtigen Bestandteil von weltweiter Aufstands- und Terrorismusbekämpfung geworden. Es gilt allerdings herauszustellen, dass gezielte Tötungen nicht erst unter Rückgriff auf bewaffnete Drohnen begonnen haben und  –  sicher unter höherer Eigengefährdung  –  ebenso durch verdeckt operierende Spezialkräfte ausgeführt werden können. 9  Mit diesen Aktionen in Zusammenhang stehende Fragen an das Humanitäre Völkerrecht sowie ethische Problemstellungen sind daher nicht nur in Verbindung mit Drohnen zu betrachten. Insgesamt scheint im öffentlichen Drohnendiskurs ein großes Durcheinander zu herrschen. Einer dezidierten und vollumfänglichen Diskussion müsste eine gedankliche Matrix zu Grunde liegen, auf deren Achsen zum einen zwischen Drohnentypen  –  etwa Aufklärungs- und Kampfdrohnen  –  und zum anderen zwischen ihren verschiedenen Einsatzmöglichkeiten wie Überwachung bei militärischen Operationen, Informationsgewinnung im Einsatzgebiet, weltweite Fernaufklärung, gezielte Tötungen usw. unterschieden wird. Zudem müssten die Argumente in der Diskussion nach strategischer, operativer und taktischer Ebene sowie ihrer Fokussierung auf die ethisch-moralische, die rechtliche oder die praktische Dimension unterschieden werden. 6   Neben den USA verfolgen auch Israel und Russland eine mehr oder weniger offene Politik gezielter Tötungen (Vgl. Alston, Philip: Dokumentation: Gezielte Tötungen, Wissenschaft & Frieden, 1, 2011, S. 18ff.; Rudolf, Peter / Schaller , Christian: Targeted Killing. Zur völkerrechtlichen, ethischen und strategischen Problematik gezielten  Tötens in der Terrorismus- und Aufstandsbekämpfung, Stiftung Wissenschaft und Politik, 2012, S. 7). Der ehemalige Bundesminister der Verteidigung, Thomas de Maizière, hat mehrfach betont, dass Deutschland sich nicht an »extralegalen Tötungen« beteiligen werde. 7  Vgl. Walsh, James I.: The Effectiveness of Drone Strikes in Counterinsurgency and Counterterrorism Campaigns, Strategic Studies Institute and U.S. Army War College Press, Carlisle 2013, pp. 5f.; Alston, 2011, S. 18. 8    Vgl. Schnaas, Dieter / Kiani-Kress, Rüdiger / Willershausen, Florian: Geld oder Leben, Wirtschaftswoche, 2013, S. 22; Walsh, 2013, p. 1. 9  Vgl. Whetham, David: Killer Drones: The Moral Ups and Downs, The RUSI Journal, 158, 2013, p. 22; Schnaas / Kiani-Kress / Willershausen, 2013, S. 22; Ein Beispiel für eine solche Operation ist die Tötung des  Terroristenführers Osama bin Laden durch US-Spezialkräfte im Mai 2011 in Pakistan.
Similar documents
View more...
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks
SAVE OUR EARTH

We need your sign to support Project to invent "SMART AND CONTROLLABLE REFLECTIVE BALLOONS" to cover the Sun and Save Our Earth.

More details...

Sign Now!

We are very appreciated for your Prompt Action!

x