Religiöse Ehrenmäler: die Guglie

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Religiöse Ehrenmäler: die Guglie
  Guglien stellen eine ureigene Denkmälergattung des neapolitanischen 17. und 18. Jahrhunderts dar. Sie haben später auch eine Verbreitung in städtischen Zentren Kam-paniens und insbesondere Apuliens erfahren; markante Beispiele stellen hier die Guglia dell’Immacolata in Nardò und die dem hlg. Oronzo geweihten in Ostuni und Lecce dar. Die neapolitanischen Guglien, die für kommemorative und repräsentative Aufgaben bestimmt waren, sind groß dimensioniert, mit Marmor verkleidet und wachsen nadelför-mig (daher die Bezeichnung »aguglia« für spitz) in die Höhe. Sie bilden eine auffällige Synthese aus Architektur und Skulptur und lassen sich als petrifizierte Abbilder der aus Holz und Pappmaché gefertigten ephemeren Schaugerüste begreifen, die mit Figuren- und Bildschmuck sowie Emblemen und Inschriften dekoriert waren und ihre Blütezeit im 17. Jahrhundert hatten. Die Exequiengerüste, die zu Ehren prominenter Verstorbener in Auf-trag gegeben wurden, und die so genannten Cuccagne (ephemere Schaugerüste, die das Schlaraffenland vorstellten), die man anlässlich religiöser und höfischer Feierlichkeiten errichtete, haben ebenfalls als wichtige künstlerische Prämissen zu gelten. Nicht zuletzt sind unmittelbare Vorläufer die kreuzbekrönten Säulendenkmäler Roms aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die im Auftrag des Kardinals Baronio vor Kirchenbauten errichtet worden waren, die er hatte instandsetzen lassen. Das Unterfangen stellte die Wiederbelebung eines frühchristlichen Usus dar. Analog zu den Ehrensäulen und Obe-liskenmonumenten im Rom von Sixtus V. dachte man bei den ersten Guglien-Projekten in Neapel daran, antike Säulen wiederzuverwenden; Überlegungen, die jedoch allesamt zugunsten reiner Neukonzeptionen fallen gelassen wurden. In Neapel wurden drei künstlerisch bemerkenswerte Guglien ausgeführt: die Guglie di San Gennaro, di San Domenico und dell’Immacolata, die alle auf Vor- oder Seitenplätzen von Kirchen stehen. Eine vierte Guglia für San Gaetano blieb unvollendet. Jede Guglia hatte einen eigenen kirchlichen Auftraggeber mit einem besonderen frommen und kom-memorativen Anspruch, der in der Figur des zuoberst platzierten Heiligen anschaulich zum Ausdruck kommt. Obgleich die Guglien auf den Decumani inferior und maior stehen, markieren sie keine Angelpunkte in der Stadttopographie. Im Gegenteil waren und sind sie nur aus der Nähe wahrnehmbar. Allerdings bildeten Guglien ihrerseits Mittelpunkte für ephemere Festdekorationen und Illuminationen. Religiöse Ehrenmäler: die Guglie  Abb. 47 Cosimo Fanzago, Guglia di San Gennaro, 1660 vollendet.Das Ehrenmonument für den Stadtpatron steht auf der Piazzetta Sisto Riario Sforza.   Im Rücken die Südflanke des Doms Santa Maria Assunta   und die   Kuppel der Tesoro-Kapelle. Religiöse Ehrenmäler: die Guglie   195  196   Architektur- und kunstgeschichtliche Streifzüge Die Guglia di San Gennaro Die Guglia di San Gennaro wurde nach Entwürfen von Cosimo Fanzago zwischen 1631 und 1660 errichtet. Den Auftrag hatte die gleichnamige Deputazione del Tesoro erteilt, die sich aus erwählten Patriziern der fünf Sedili zusammensetzte und der die Verwaltung der Dom-Kapelle und ihres Patrimoniums oblag. Die Guglia erhebt sich auf dem Vorplatz des südlichen Seiteneingangs der Kathedrale, dessen Schmalseite der Decumanus maior des antiken Neapels schneidet ( Abb. 47 ). In Anlehnung an den Typus der römischen Ehrensäule aus der Zeit Sixtus’ V. scheinen die vier lang gezogenen Voluten einen Säulen-schaft einzuschließen, der ein girlandengeschmücktes ionisches Kapitell und ein dorisches Gebälk trägt. Zuoberst steht die Figur des hlg. Januarius (San Gennaro), die vermutlich von Tommaso Montani und Cristoforo und Giandomenico Monterossi ausgeführt wurde. Ein marmornes Rundmedaillon mit dem Reliefbildnis des Architekten in Lebensgröße befand sich ursprünglich am Postament und trug die Inschrift »Cosmus Fanzagus fecit« (heute Neapel, Museo di San Martino).Obwohl Fanzago schon 1630 die Abgeordneten des Tesoro davon zu überzeugen ver-sucht hatte, dem Stadtpatron ein Ehrenmal zu errichten, erwog man erst nach 1631 ernst-haft seine Realisierung, als es darum ging, die Rettung Neapels vor dem Vesuvausbruch am 16. Dezember zu kommemorieren. Einen entscheidenden Impuls zur tatsächlichen Umsetzung des Vorhabens scheint der Fund einer antiken Säule aus Cipollino-Marmor im Jahre 1637 gegeben zu haben, der bei Fundamentarbeiten am Campanile des Doms gemacht worden war. In dieses Jahr fallen die Vertragsvereinbarungen mit Giuliano Finelli (um 1601–1653) bezüglich des Bronzegusses der Heiligenfigur und mit Cosimo Fanzago hinsichtlich der Marmorarbeiten.Für das ursprüngliche Säulenmonument hatte Fanzago insgesamt drei Lösungen erd-acht. Zwischen 1637 und 1645 arbeitete er einen Entwurf aus, der die Wiederverwendung der antiken Säule vorsah. Nach dieser Vorlage wurden dann das Inschriftenpostament und die Säulenbasis begonnen. Wenn man sich auch anfangs dafür entschieden hatte, den intakten Säulenschaft in zwei Teile zu zersägen und durch Eisenklammern verzahnt auf-zurichten, so wurden noch im selben Jahr 1637 Vorbereitungen getroffen, die antike Säule unversehrt als Monolith aufzurichten. Diese Planphase ist in einer Zeichnung Fanzagos im Archiv der Tesoro-Kapelle festgehalten, auf der auch spätere Entwurfsänderungen notiert sind ( Abb. 48 ). Das Blatt gibt die monolithische Säule über dem Postament und eine gegenüber der Ausführung veränderte Bekrönung wieder. Dagegen sind die vier Putten und Voluten des verwirklichten Monuments unmittelbar unter die Heiligenfigur gesetzt, die ihrerseits auf einer kleinen Kugel steht.Obgleich man mit der Errichtung des Denkmals begonnen hatte, wurde 1646 der Ent-wurf aufgrund einer juristischen Kontroverse zwischen Erzbistum, dem Seggio-Adel und der vizeköniglichen Oberhoheit, welche die Verwendung der Säulenspolie grundsätzlich in Frage gestellt hatte, verworfen. Diese Problemkonstellation bewirkte nebst Masaniello-Revolte (1647) und Pest-Epidemie (1656) eine zwölf Jahre dauernde Bauunterbrechung, in der Fanzago von der Baustelle abwesend war. Die Arbeiten wurden erst 1658 wieder aufgenommen, 1660 abgeschlossen und das Ehrenmal im drauffolgenden Jahr geweiht. Da man nun von der Wiederverwendung des antiken Fundstückes absehen musste, lie-ferte Fanzago einen neuen Entwurf, der aber gleichwohl der Idee des Säulenmonuments  verpflichtet blieb. Über dem bereits fertiggestellten Postament bilden nun vier oblonge Voluten den Guglien-Schaft; die beiden monolithischen Blöcke aus Cipollino-Marmor unter- und oberhalb der Voluten erwecken dabei den Eindruck, als ob hier tatsächlich ein Säulenschaft eingefasst wäre, was zahlreiche ältere und noch einige jüngere Autoren in die Irre geführt hat. Ein Gutachten von Ferdinando Fuga aus dem Jahre 1762 hat geklärt, dass der Kern gemauert und mit Marmor verkleidet ist. Die Restaurierung von 1979/1980 hat zudem ergeben, dass die Struktur durch eine Eisenarmierung gehalten wird. Die unvollendete Guglia di San Gaetano Im Jahre 1656 beschlossen die Theatiner die Errichtung eines Denkmals zu Ehren ihres Ordensgründers, des hlg. Cajetan von Thiene, der im Ruf steht, die Stadt von der Pest befreit zu haben ( Abb. 37 ). Das Ehrenmal, welches wir heute rechts neben der Kirchenfassade von San Paolo Maggiore sehen, ist das Ergebnis einer 1737 realisierten Neukonzeption. Als Guglia erdacht und in den Quellen als Pyramide bezeichnet, ist es das Ergebnis zweier unterschiedlicher Entwurfsphasen zwischen 1657 und 1670 und zwischen 1694 und 1725. 1663 lieferte Cosimo Fanzago Entwürfe für das Postament und führte im darauffolgenden Jahr die vier Putten aus, die noch heute zu Füßen der Heiligenfigur zu sehen sind. Ein dem Architekten Dionisio Lazzari zuweisbares Projekt, der in jenen Jahren in San Paolo Abb. 48 Cosimo Fanzago, Entwurfszeichnung für die Guglia di San Gennaro, 1637. Neapel, Archivio del Tesoro.Das Blatt zeigt ein traditionelles Säulenmonument, das seine Transformation in das realisierte  Mixtum compositum  von Ionica und Volutenwerk schon andeutet. Religiöse Ehrenmäler: die Guglie   197  198   Architektur- und kunstgeschichtliche Streifzüge Abb. 49 Guglia di San Domenico, erbaut 1658–1737.Das Denkmal für den 1641 zum Stadtpatron erhobenen Ordensheiligen steht auf der Piazza San Domenico. Im Hintergrund fällt der Blick auf die mittelalterliche Choranlage der Dominikanerkirche.   Foto um 1970.
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