Flüchtlinge als Stoff für Kunstprojekte?

Please download to get full document.

View again

of 5
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Published
ANTIKULTIAteliergruppe: Flüchtlinge als «Stoff» für Kunstprojekte? Art Education Research, Dezember 2012, Jg. 3 (6), ISSN 1664-2805-http://iae-journal.zhdk.ch/no-6/ 1 Seit Februar 2010 entwickelt in Zürich eine Gruppe-zunächst unter dem Namen
   Art Education Research No. 6/2012  ANTIKULTI  Ateliergruppe Flüchtlinge als «Stoff» für Kunstprojekte?  Art Education Research, Dezember 2012, Jg. 3 (6), ISSN 1664-2805 –  http://iae-journal.zhdk.ch/no-6/   1 Seit Februar 2010 entwickelt in Zürich eine Gruppe – zunächst unter dem Namen «Atelier», nun als  ANTIKULTI-  Atelier – gemeinsam gestalterisch-politische Projekte. Das  ANTIKULTI  Atelier ist ein Raum für Kunst und politische Solidarität. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die in der Schweiz leben und sich mit der Asyl- und Migrations-politik, mit Rassismus und Repräsentation beschäftigen: viele von uns als Flüchtlinge, andere als Migrant_innen oder Schweizer_innen. Bei den wöchentlichen Treffen in institutionellen Räumen (wie dem Museum für Gestaltung Zürich 1  ) und autonomen Räumen (wie dem autonomen Biutisalon 2  ) in Zürich werden neue Ideen diskutiert, Ent-scheidungen getroffen und gearbeitet: zum Beispiel an einem Schattenspiel, in dem Figuren wie Dedan Kimathi, Kemal Pir, Rosa Luxemburg, Anne Bonny, Kawa, Phoolan Devi und Don Quijote diskutieren, was Freiheit ist, an al-ternativen Stadtplänen, oder einem Bleibeführer   für die Stadt Zürich (einen Überblick über unsere Projekte gibt der blog www.antikultiatelier.blogspot.com  ). Der Fokus unserer Projekte ist, eine kollektive Praxis zu entwickeln, die sich gegen ein (rassistisches, klassistisches, sexis-tisches) System richtet, das uns zu Ungleichen macht. In unserer Arbeit kommen unterschiedliche Wis-sensformen aus verschiedenen Feldern zusammen: aus politischen Kämpfen, Bildungsarbeit, künstlerischer und Theaterpraxis, technischen und handwerklichen Tätigkeiten, Politik- und Kulturwissenschaft, Kunstver-mittlung, Selbstorganisation und institutioneller Arbeit. Dadurch brechen, verschieben und entwickeln sich Ver-ständnisse von Politik, von Kunst und von (Ver-)lernen. Weil unsere Arbeit sich gerade an dieser Schnittstelle in den Kulturbetrieb, die politische Arbeit und Bildungsar-beit einmischen will, beschäftigen uns aus unserer Er-fahrung in Vermittlungs- und Kunstprojekten die Prob-lematiken der Zusammenarbeit von Flüchtlingen und Mehrheitsangehörigen in solchen Projekten: die Gefahr, andere zu benutzen oder selbst benutzt zu werden, die Frage, wer wem eine Stimme gibt, wer sie sich nimmt 1  http://www.museum-gestaltung.ch/  (letzter Zugriff: 15.04.2012). 2  http://autonomerbeautysalon.wordpress.com/ (letzter Zugriff: 15.04.2012). und wer sie ausübt, und die Schwierigkeit, die Katego-rien, die uns ungleich machen – wie «Flüchtling» oder «Schweizer_in» – zu benennen und zu dekonstruieren. Diese Problematiken und dieses Unbehagen in Kunst- und Vermittlungsprojekten sind Thema des fol-genden Gesprächs. Es wurde unter dem Schlagwort «Flüchtlinge als ‹Stoff› für Kunstprojekte» im Frühjahr 2012 für die «Papierlose Zeitung» geführt, aufgezeich-net und kollektiv redigiert. In Auseinandersetzungen wie diesen denieren sich unsere Perspektiven und Ziele als  ANTIKULTI  Atelier – diese werden in der Folge kurz darge-stellt. EIN GESPRÄCH: FLÜCHTLINGE ALS «STOFF» FÜR KUNSTPROJEKTE  A  : Was ist das Thema dieses Gesprächs? B : Das Thema ist «Flüchtlinge als ‹Stoff› für Kunst projekte». C : Was genau bedeutet das? B : Stoff ist das Material, aus dem du etwas machst. Die Frage geht dann in die Richtung, ob wir Flüchtlinge Mate-rial sind und ein_e Künstler_in kommen, aus dem Material Kunst machen und dann sagen kann: «Ich mache Kunst für Flüchtlinge». Ein Beispiel dafür war eine Anfrage von einem Künstler vor etwa einem Jahr, der ein Flüchtlings camp in einer Ausstellung in Basel inszenieren wollte. 3  Ich kann mir vorstellen, dass da ein Gitter gewesen wäre und dahinter eine Notunterkunft. Es wurde angefragt, ob ein paar Flüchtlinge organisiert werden könnten, die in diesem Kunststück einfach die ganze Zeit herumstehen und so tun, als wären sie in ihrem Leben. Diese Person hat gesagt, dass sie gerne Leute aus Nordafrika dort ha- 3  «Flüchtlingslager» im Rahmen der «CHASOS-Kampagne2011» (13-19. Juni 2011, Halle 32, Messegelände Basel) von Andreas Heusser. Das Flüchtlingslager blieb schließlich während der Ausstellung leer. http://www.andreasheusser.com/ , (letzter Zugriff: 08.06.2012).   ANTIKULTI  Ateliergruppe: Flüchtlinge als «Stoff» für Kunstprojekte?  Art Education Research, Dezember 2012, Jg. 3 (6), ISSN 1664-2805 2 ben möchte. Sie sagte, sie mache Kunst und sie wolle kritisch sein: Sie will, dass Besucher_innen der Kunst-ausstellung sehen, wie Flüchtlinge in der Notunterkunft leben, dass es auch Menschen sind, dass sie einfach sitzen, essen, schlafen, einfach da sind. Dafür wollte sie echte Flüchtlinge, damit dieses Kunststück richtig echt und realistisch ist und an Glaubwürdigkeit gewinnt. Dazu stellt sich die Frage: Sind wir Flüchtlinge Ausstellungs-objekte, die alle anschauen kommen können? Sind wir Objekte, die einfach dargestellt werden? Oder können wir auch selber entscheiden, mitbestimmen, reden, dis-kutieren und sagen, was wir schlussendlich wollen oder nicht? C : Niemand ist ein Objekt, weder in der Kunst noch sonst wo. Wir müssen selber erklären, was wir machen. Ich nde, manchmal benutzen Künstler_innen Leute. Du hast von dem Camp-Projekt erzählt, und ich glaube die Flüchtlinge hatten keine Stimme, sie sollten nur schlafen oder essen. Sie sind wie Tiere in einem Käg. Denn du weißt nicht, was sie denken, was sie machen; sie sind nur hinter dem Gitter. Ich nde es erst richtig, wenn man die Leute fragt: «Was ist los? Was ist mit eurem Leben? Was denkt ihr?» Dialoge und Meinungen, das ist die richtige Kunst. Das Gitter müsste man weglassen und die Flücht-linge direkt erklären lassen, wie sie mit Schwierigkeiten leben. Sie sollten direkt reden. Somit wüsste man auch die genauen Probleme. Es ist eine Frage der Entschei-dungen für die Kunst. D : Was wichtig ist, ist eine Perspektive zu haben und diese zu thematisieren: Was ist mein Wunsch? Wofür arbeite ich? Was ist mein Ziel in dieser Situation? So, dass auf diese problematische Situation, die ja vorhan-den und real ist, ein anderer Blickwinkel, ein anderer The-menschwerpunkt gelegt werden kann, dass nicht nur im-mer auf die gleichen Probleme fokussiert wird. Die Leute haben Probleme, aber sie leben auch im Jetzt und Hier und sie haben Ideen und Wünsche. Irgendwie braucht es auch Punkte, an denen man verarbeiten kann, was man erlebt hat. Dazu soll die Kunst doch auch dienen. E : Künstler_innen nehmen Leute und machen ein Projekt und man weiß nicht, was das Ziel von diesen Leuten ist. Ich kann nicht an einem Projekt teilnehmen, wenn ich nicht weiß, welche Rolle ich spiele und was das Ziel von diesem Projekt ist. B : Also entscheiden und mitbestimmen? E : Ja! EINE STIMME GEBEN – WER ERLAUBT WEM WANN ZU SPRECHEN? F: Ich frage mich dann immer, was das Besondere an der Kunst ist. So wie wir es jetzt besprochen haben, ginge es eher in die Richtung, Leuten eine Stimme zu geben und möglichst unverstellt die Realität oder die vorhandenen Probleme aufzuzeigen. Das kann man ja auch politisch machen. Das ist ja nicht per se Kunst. Da frage ich mich dann schon, was die künstlerische Darstellung beitragen kann. Die müsste ja eigentlich mehr machen, als Per-sonen nur eine Stimme zu geben. Sie müsste darüber hinausgehen. Man muss sich schon fragen, was Kunst eigentlich leisten kann, wenn sie sich mit Flüchtlingen beschäftigen will. I : Für mich ist die Kunst die Möglichkeit, politisch aktiv zu sein und meine Anliegen und Ansichten vor ein Publikum zu bringen. Mit der Ateliergruppe, mit Kunst und Theater können wir durch die Aufführungen oder durch andere Veranstaltungen direkt mit dem Publikum sprechen. Das ist wichtig für mich. Mit der Ateliergruppe waren wir in Luzern, und dort konnten wir beobachten, dass sehr vie-le Leute Interesse haben an unseren Projekten. Ich war so glücklich, weil so viele Leute interessiert waren. Auch fragen mich immer Leute, ob es noch Bleibeführer gibt. Die Leute brauchen das Heft. Ich glaube die Kunst funk-tioniert so, dass wir mithilfe einer anderen Sprache mit anderen Menschen sprechen können. Ohne Krieg. Wir können alles sagen, was wir möchten. Für mich ist die Kunst die beste Sprache, um ein Publikum zu erreichen. Politische Kunst ist die beste Kunst für mich. B : Also, das wirft die Frage auf, was wir eigentlich unter Kunst verstehen. Diese Argumentation von «eine Stim-me geben» ist oft zu hören bei Menschen, die irgendein Projekt mit Flüchtlingen machen. Dann kommt oft dieses  Argument: «Wir wollen diesen Leuten, die keine Stimme in dieser Gesellschaft haben, eine Stimme geben.»  A  : Das ist schon hierarchisch: Wenn man eine Stimme gibt, ist man schon da und sagt: «Ah, ich bin so großzügig und gebe dir eine Stimme.» B : Genau. Aber da stellt sich zuerst die Frage: Wer gibt die Stimme wem? Wann, wo und wie? D : Und genau solche Fragen klammern wir aus, denn im  Atelier versuchen wir hauptsächlich, uns die Stimme zu nehmen. B : Vielleicht geht es auch darum, die Stimme auszuüben, weil wir schlussendlich alle eine eigene Stimme haben. Das Problem ist aber, dass wir manchmal nicht gehört werden. Beispielsweise bei einer Demonstration am 1.  August, als Widmer-Schlumpf geredet hat und die Leute kamen, um mit ihr zu reden, da sagte sie: «Hier in der Schweiz reden wir nicht so. Seid nicht so laut und sagt nicht: ‹He, ich will reden!› Ich rede nach der Veranstaltung mit drei Sprecher_innen und gebe euch 5-10 Minuten.» Die Leute sagten: «Okay!» Also, Widmer-Schlumpf sagte aus ihrer Machtposition, wann, wo, wie und wie lange zu reden sei. Wenn wir das einfach annehmen, dann akzep-tieren wir das: «Du bist die, die entscheiden kann und wir sind die, die sich anpassen.» Dabei kann ein Schweigen   ANTIKULTI  Ateliergruppe: Flüchtlinge als «Stoff» für Kunstprojekte?  Art Education Research, Dezember 2012, Jg. 3 (6), ISSN 1664-2805 3 selbst subversiv sein. Wir müssen nicht wie Zirkus papa-geien reden, wenn sie es uns sagen. Sondern wir können reden, wann wir wollen, und schweigen, wenn wir nicht reden wollen. D : Zur Problematik, wer wem und wie lange eine Stimme gibt, kommt mir ein Animationslm 4  in den Sinn, welchen wir vor einiger Zeit zusammen angeschaut haben. Ein  junger Künstler hat sich mit dem Thema Fluchtweg aus-einandergesetzt und damit sogar einen Preis gewonnen. Problematisch empfand ich die Art und Weise seiner Umsetzung, bspw. die zum Lachen provozierende Dar-stellung der Flüchtlinge. Krieg, ein überfüllter Lastwagen, Grenzübergänge, Meerüberquerung in Nussschalenboo-ten und mittendrin die Strichmännchen-Flüchtlinge, wel-che mal erschossen werden, mal theatral vom LKW fal-len oder elend ertrinken. Der Künstler produzierte genau diesen in den Medien allgegenwärtigen Proto-Flüchtling, der schlussendlich in der Schweiz strandet.  A  : Am Schluss gab es allerdings eine Kehrtwendung. Es ist aber absurd, dass stereotype Geschichten immer wieder gezeigt werden müssen, als ob das die einzige Möglichkeit wäre, Kritik zu üben. FREMD- UND SELBSTZUSCHREIBUNG – FLÜCHTLINGSEIN ALS EINZIGE «SOZIALE POSITION»?  A  : Es geht in der Ateliergruppe auch darum, sich mit Zu-schreibungen und Identitäten wie «Ihr seid alle Flüchtlin-ge» auseinanderzusetzen. Wir sind Leute mit ganz unter-schiedlichen Aufenthaltsrechten und machen zusammen politische Arbeiten oder politische Aktionen zur Flücht-lingsthematik. Vielleicht kann diese Zuschreibung darum gar nicht mehr so einfach gemacht werden. B : Genau, der Punkt ist: Wir werden oft zu einem Subjekt gemacht, das so und so reden muss. Dann wird immer betont, schau mal wie wichtig es ist, dass Flüchtlinge über Flüchtlinge reden. Aber es geht darum, was gesagt wird, die Voraussetzung für eine antirassistische Arbeit ist nicht, dass Flüchtlinge immer selber reden müssen.  Antirassistisch ist was wir sagen, egal ob es ein Flücht-ling, eine sogenannte Schweizerin oder ein Deutscher sagt. Was wir hier versuchen, ist zusammen eine Ausei-nandersetzung zu führen und eine gemeinsame Stimme zu erarbeiten. Wenn Schweizer_innen z.B. sagen «Dazu können wir nichts sagen, das müssen die Betroffenen selbst sagen», dann ist es weiterhin so, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, welche die Zuschreibung «ihr Flüchtlinge seid so» und «wir Schweizer_innen sind anders» machen können. G : Ich nde schon, dass es eine Berechtigung gibt zu 4  Animationslm «Bon Voyage» (2011) von Fabio Friedli sagen: «Ich muss jetzt nichts dazu sagen». Wenn in einer Gesprächssituation sich Leute einfach tun, Deutsch zu sprechen und sowieso immer die gleichen Leute reden, dann ist es manchmal gut zu sagen: «Nein, dazu sag ich  jetzt nichts», und sich dafür einzusetzen, dass Sprech-zeiten und Sprechpositionen gleich verteilt sind, dass auf Ungleichheiten in der Situation geachtet wird. B : Der Unterschied ist aber immer noch, Flüchtlinge als Differenz zu konstruieren: «Ihr seid die Flüchtlinge und ihr solltet jetzt reden» ist weiterhin eine Ausübung von Macht. Wir sollten auch die verschiedenen Möglichkeiten anschauen, wie sich verschiedene Leute unterschiedlich an Prozessen beteiligen können. G : Einverstanden. H : Viele Leute sprechen über uns und unsere Projekte. Wir sind aber nicht nur Flüchtlinge. Ich bin gleichzeitig auch H oder er ist K, nicht nur Flüchtling oder Asylbe-werber_in. Aber wir sprechen immer darüber und erklä-ren nur unsere Probleme. Ich möchte aber nicht mehr über die Probleme sprechen; ich kann auch mit anderem «Material» etwas machen. Das wäre auch möglich, aber wir denken nicht so. Wir möchten nur über Flüchtlinge sprechen. G : Ich nde es sehr interessant, was du sagst, dass es auch darum gehen muss, über andere Sachen zu spre-chen. H : Ja, «Flüchtling» ist meine soziale Position. Aber ich bin nicht nur diese «soziale Position». Aber das machen wir auch selbst, uns auf diese soziale Position beschränken. Doch wir haben verschiedene Charaktere und wir können andere Methoden und Mittel wählen. Das Schattenspiel gefällt mir jetzt, weil wir etwas anderes machen. Das The-ma ist auch anders. C : Ich glaube, auch in der  ANTIKULTI  Ateliergruppe ma-chen wir nicht immer nur etwas für Flüchtlinge. Der Blei-beführer Zürich ist nicht nur für Flüchtlinge; er ist für alle Bewohner_innen von Zürich. Auch das Schattenspiel ist nicht nur über das Thema Flüchtlinge, sondern zum The-ma Freiheit, weil alle Leute Freiheit brauchen. Deshalb nde ich auch, dass die Gruppe ganz offen ist; wir sind nicht immer mit der Flüchtlingsthematik beschäftigt. Wir sind selbstbestimmt, niemand kommt und sagt: «Ihr seid Flüchtlinge und ihr müsst es so machen.» Unsere Arbeit ist für uns, ohne Grenzen zwischen Flüchtlingen und Nicht-Flüchtlingen. E : Viele Leute haben dieses Gefühl «ich bin Flüchtling» auch selber. Wir haben alle dieses Gefühl, dass wir an-ders sind. Er ist Europäer oder Schweizer, ich bin Flücht-ling. Aber bevor ich ein Flüchtling bin, bin ich ein Mensch. B : Genau diese Schubladisierung wollen wir nicht mehr. Weder wollen wir die «guten Armen» sein, noch die   ANTIKULTI  Ateliergruppe: Flüchtlinge als «Stoff» für Kunstprojekte?  Art Education Research, Dezember 2012, Jg. 3 (6), ISSN 1664-2805 4 «bösen Drogendealer». Z.B. bei der Integration geht es doch darum: «Du darfst nicht böse sein, du musst gut sein und wenn du ein Guter bist, dann kannst du hier-bleiben.» Integration heißt hier, aus allen gute Flüchtlinge zu machen: Arme Leute, die dankbar und anständig sind, die immer «Guten Morgen» sagen und keine Probleme machen. I : Roboter! PERSPEKTIVEN UND ZIELE DES  ANTIKULTI  ATELIERS – EINE DEFINITION IM PROZESS Wir sind keine homogene Gruppe, sondern denieren uns durch eine gemeinsame Tätigkeit . Wir haben ver-schiedene Geschichten und kommen aus unterschiedli-chen Kontexten, aber wir leben alle hier in der Schweiz. In der  ANTIKULTI  Ateliergruppe versuchen wir, mit unserer Ar-beit die Stimme gegen die rassistischen Verhältnisse, die uns aufteilen und isolieren, zu erheben und ausgrenzen-de Bilder, die über uns produziert werden, anzugreifen. Gemeinsam entwickeln wir eine politische Kunstpraxis, die uns ermöglicht, mit unseren unterschiedlichen Ge- schichten eine neue Position zu nden. Wir wollen nicht «integriert» werden , nur um ausge-beutet zu werden. Wir suchen nach alternativen Formen der (Selbst-)Integration: Wir nehmen uns die nötigen Werkzeuge, wie die Sprache, und die nötigen Räume. Wir wollen Integration, um hier aktiv unser Leben realisieren zu können. Das heisst auch, Kritik an den herrschenden Lebensrealitäten zu üben. Durch Aktivitäten und kritische Diskussionen lernen wir Orte und Lebensrealitäten mit unseren unterschiedlichen Hintergründen in Verbindung zu setzen. Der Zugang zu kulturellen Aktivitäten ist eingeschränkt. Was wir im  ANTIKULTI  Atelier tun, ist nicht nur Kultur zu konsumieren, sondern wir machen uns unsere Kultur . Wir organisieren selbst kulturelle Anlässe und realisieren unsere eigenen künstlerischen Projekte.Der Name der  ANTIKULTI  Ateliergruppe richtet sich be-wusst gegen ein «Abfeiern» von «Multi-Kulti» – gerade in einer Stadt wie Zürich, in der einer folkloristisch ins zenierten Weltoffenheit alltägliche rassistische Ausgren-zung gegenübersteht. Wir kritisieren die Festschreibung von Menschen auf eine homogene «Herkunfts-Kultur» und das Reden von Kultur, wenn es um Politik und Men-schenrechte geht.  ANTIKULTI  bedeutet nicht «gegen Kul-tur», sondern die  Arbeit an Gegenkultur ! Wir lassen uns nicht in Kategorien pressen  oder als «interessante Thematik» missbrauchen, die, sobald sie nicht mehr aktuell ist, fallen gelassen wird.  Auch wollen wir selbst niemanden auf ein Objekt reduzieren .  Wir vernetzen uns mit anderen Projekten und in konkreten  Aktionen. Bei jedem Projekt diskutieren wir gemeinsam, mit wem und in welcher Form wir zusammenarbeiten wollen. Es fanden und nden Kollaborationen mit der  Autonomen Schule Zürich, dem Museum für Gestaltung und dem Institute for Art Education der ZHdK statt.   ANTIKULTI  Ateliergruppe: Flüchtlinge als «Stoff» für Kunstprojekte?  Art Education Research, Dezember 2012, Jg. 3 (6), ISSN 1664-2805 5 Was kann das für die Praxis in Kunstunterricht und -vermittlung heissen? Maéva Hormain .   Kunstvermittlerin im Fachbereich Bildung/Gestalten im Gemeinschaftszentrum (GZ)  Affoltern, Zürich. Kunstvermittlerin am Migros Museum, Zürich und Museum der Kulturen, Basel. Was heisst eigentlich integrieren, oder sich integrieren? Oft wird Integration einfach als Assimilierung und Anpas- sung verstanden. Diese Sichtweise entspricht nicht dem, was in Realität passiert (und passieren soll). Wie die  ANTIKULTI  Ateliergruppe aufzeigt, ginge es statt der dominanten Integrationsforderung eher um das gemeinsame Ge- stalten eines neuen Wegs, wobei jeder (Migrant_innen und Schweizer_innen) eine Stimme hat. Das ist auch in meiner Berufspraxis als Kulturvermittlerin ein roter Faden. Zum Beispiel in der Werkstatt des Gemeinschaftszentrums Affol-tern (GZ), in der ich tätig bin: In der Werkstatt haben Kinder und Erwachsene aus dem Quartier die Möglichkeit, sich  zu begegnen und sich auszudrücken, kreativ mit ganz verschiedenen Techniken und Materialien umzugehen. Dabei  kann man erfahren, dass es sich lohnt, seine eigenen Ideen zu verwirklichen, dass zugehört und diskutiert wird. Diese Prozesse brauchen viel Zeit und Vertrauen; Tag für Tag versuche ich mit meiner Arbeit dazu beizutragen, dass, fast ne- benbei, Begegnungen und Vernetzung geschehen. Für die Besucher_innen funktioniert diese Werkstatt als Sprung- brett. So gesehen kann für mich Kulturvermittlung, im Gemeinschaftszentrum unter den Kreativen in der Werkstatt,  in Museen während Führungen und in Workshops, auslösende Momente bieten: für Schritte der Selbst organisation, dafür, sich, wie im Text der AntikultiAteliergruppe, eine Stimme zu nehmen, für Prozesse des zusammen Gestaltens, des Zusammenlebens. Wohin diese Prozesse gehen und wie sie sich entwickeln, liegt aber in den Händen der Leute, die zusammen leben wollen.
Similar documents
View more...
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks