Christian Ronning: Stadteinzüge in der Zeit der römischen Republik. Die Zeremonie des Adventus und ihre politische Bedeutung. In: Einblicke in die Antike: Orte – Praktiken – Strukturen. Hrsg. von Christian Ronning. München 2006, 57–86.

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Christian Ronning: Stadteinzüge in der Zeit der römischen Republik. Die Zeremonie des Adventus und ihre politische Bedeutung. In: Einblicke in die Antike: Orte – Praktiken – Strukturen. Hrsg. von Christian Ronning. München 2006, 57–86.
  Christian Ronning Stadteinzüge in der Zeit der römischen Republik Die Zeremonie des  Adventus und ihre politische Bedeutung Politik in der Zeit der römischen Republik war grundlegend anders strukturiert und bewegte sich auf einem anderen Feld als Politik im Europa des 21. Jh.s. Zunächst fällt da eine stärkere Bedeutung des Raumes ins Auge, in dem sich Politik bewegt, als das Aufeinandertreffen und Handeln von Menschen an ih-nen gemeinsamen Orten. Mittelpunkt der res publica Romana war bekanntlich das Forum in Rom, über dem der Kapitolshügel mit dem Tempel des höchsten Staatsgottes aufragte. 1  An diesem Platz, in der Curia oder in einem der großen Tempel, die hier errichtet worden waren, traf sich der Senat. Auf der benach- barten Rednerbühne – den sogenannten Rostra – traten die römischen Beam-ten auf, um in den Volksversammlungen ( contiones ) einen Konsens für ihre Vorhaben zu erringen; und vor ihnen drängten sich Tausende römischer Bür-ger. 2  In den angrenzenden Basiliken tagten die Gerichtshöfe, deren Tätigkeit man sich als wesentlich politischer und auch lebhafter vorzustellen hat als heute 3  – entsprechend größer war dann auch die Resonanz beim Publikum, entsprechend stärker vermochten diese Prozesse zu polarisieren. Quer über das Forum verlief die Heilige Straße ( via sacra ), auf der siegreiche Feldherrn 1  Zur Topographie vgl. F. Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, Mainz 2000, 44– 109; K.-J. Hölkeskamp, Capitol, Comitium und Forum: Öffentliche Räume, sakrale Topographie und Erinnerungslandschaften, in: Ders., Senatus Populusque Romanus. Die politische Kultur der Republik – Dimensionen und Deutungen, Stuttgart 2004, 137–168. 2  R. Morstein-Marx, Mass Oratory and Political Power in the Late Roman Republic, Cambridge 2004, 42–60, für den räumlichen Rahmen sowie Schätzungen der Teil-nehmerzahlen an Volksversammlungen ( contiones ) (3.-4.000 mögliche Teilnehmer im älteren Versammlungsbereich vor der Kurie, ca. 10.000 Teilnehmer ab der Mitte des 2. Jh.s, als der offene Forumsbereich diesem Zweck diente). 3  Vgl. A. M. Riggsby, Crime and Community in Ciceronian Rome, Austin (Texas) 1999; A. Lintott, Legal Procedure in Cicero’s Time, in: J. Powell/J. Paterson (Hg.), Cicero the Advocate, Oxford 2004, 61–78.  Christian Ronning 58 triumphierend durch die jubelnde Menge zum Tempel des Iuppiter Optimus Maximus zogen. 4  Aber dies ist nur das Zentrum Roms: vielfältige Linien verbinden es mit den Wohnvierteln der Stadt. Denn an jedem Morgen empfingen die vorneh-men Römer im Atrium ihrer Häuser – etwa auf dem Palatin – Klienten und Bittsteller zur zeremoniellen Begrüßung, zur salutatio : nicht unähnlich dem lever   des französischen Sonnenkönigs. 5  Nach der Audienz begleitete eine ganze Traube von Anhängern ihren Patron zum Forum, wo er sich seinen poli-tischen und geschäftlichen Interessen widmete. So war für jeden, der diesem Schauspiel beiwohnte, schon auf den ersten Blick ersichtlich, wer von den führenden Männern des römischen Staats welches Gefolge aufbieten konnte: die räumliche Dimension römischer Politik verschmilzt mit der visuellen. Ja selbst das Imperium scheint mit dem Forum in besonderer symbolischer Ver- bindung zu stehen. Von hier aus brachen die Statthalter, die der  populus Ro-manus  in die unterschiedlichen Regionen seines wachsenden und bald den Mittelmeerraum umspannenden Reiches entsandte, mit einem feierlichen Akt in ihre Provinzen auf; 6  und hierhin begaben sie sich am Ende ihrer Amtszeit auch zurück. Verbannte gingen vom Forum aus ins Exil – und kehrten mit 4  Zum Zugweg, zum Ablauf und zur Organisation des Triumphes vgl. E. Künzel, Der römische Triumph. Siegesfeiern im antiken Rom, München 1988, insb. 15 f. 65–84. 5  Hierzu und im folgenden Q. Cic. Pet. 34–38; Sen. benef. 6,33 f.; Cic. Att. 1,18,1; vgl. Cic. Pis. 7. Zum römischen „Bindungswesen“ allgemein s. Chr. Meier, Res publica amissa. Eine Studie zu Verfassung und Geschichte der späten römischen Republik, Wiesbaden 1966, 24–63; zur salutatio  R. Rilinger,  Domus und res publica . Die poli-tisch-soziale Bedeutung des aristokratischen „Hauses“ in der späten römischen Re- publik, in: A. Winterling (Hg.), Zwischen „Haus“ und „Staat“. Antike Höfe im Ver-gleich, HZ Beih. 23, München 1997, 73–90, 82–84. Zur frühneuzeitlichen Parallele  N. Elias, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie, 5. Aufl. Darmstadt 1981 (zuerst 1969), 126–143. Vgl. dazu die Anmerkungen von P. Burke, Ludwig XIV. Die Inszenierung des Sonnenkö-nigs, Frankfurt a. M. 1995 (engl. 1992), 125–129. 6  Die Zeremonie der  profectio umfaßt die Einholung der Auspizien durch den Feld-herrn/Statthalter, Gelübde auf dem Kapitol, das Anlegen des Kriegsgewandes bei der Überschreitung der Stadtgrenze ( mutatio vestis ), Hinzufügen der Beile zu den Ruten- bündeln der Liktoren, Geleit der Freunde bis vor die Tore; vgl. Liv. 21,63,9; 27,40,7; 31,14,1; 41,10,5; 42,49,1–2; 44,22,17; 45,39,11; Varro ling. 7,37 ( ideo ad bellum cum exit imperator ac lictores mutarunt vestem et signa incinuerunt, paludatus dicitur proficisci ); Cass. Dio 53,13,4; Dig. 1,16,1; Cic. fam. 8,10,1; 13,6,1; Sest. 71.  Stadteinzüge in der römischen Republik 59 Glück unter dem Jubel der Menge nach einiger Zeit wieder heim, nicht ohne sich auf dem zentralen Platz der Republik dem Volk zu zeigen. 7  Dies alles geschah mitten im unruhigen Leben einer antiken Großstadt, vor dem Hintergrund eines noch nicht mit Marmor prangenden Rom, zwischen dem Unrat, den Gerüchen und dem Lärm, der aus Häusern, Straßen und Märk-ten drang. 8  Und auch das Publikum nahm bei der Selbstinszenierung der großen Männer keine nur schweigend-zuschauende Rolle ein, sondern hatte aktiv teil an dieser Dimension von Politik, indem es jubelte, Mißfallen bekun-dete, herbeiströmte oder auch sich abwendete. Dies kann man sich nicht ein-dringlich genug vorstellen: Die Schreie in der Volksversammlung etwa sollen einmal so laut gewesen sein, daß sie einen Vogel vom Himmel holten; und wer von den untereinander konkurrierenden Wortführern Roms nicht bei sei-nem Publikum ankam, mußte gewärtigen, durchaus auch mit einem wahren Hagel von niederprasselnden Steinen Bekanntschaft zu machen oder gar mit Mist beworfen zu werden. 9  Trotz oder vielmehr wegen dieser Widrigkeiten entrieten die Auftritte der  politischen Elite nicht eines gewissen Pompes: Die nobiles hüllten sich in eine strahlend weiße Toga, unter der sie die mit dem Purpurstreifen der Senatoren verzierte Tunika trugen 10  – ein sehr unpraktisches Kostüm, dessen schwere 7  Die Exilierung Ciceros ist hierfür ein Paradebeispiel: Vor seiner Abreise aus Rom  begab er sich mit Freunden zum Kapitol und deponierte dort im Tempel eine Miner-va-Statue aus seinem Hause, die er mit folgender Inschrift der Gottheit weihte: „Der Minerva, Schutzherrin Roms“. Dann ließ er sich von einem Gefolge aus Anhängern aus der Stadt geleiten (Plut. Cic. 31,5). Die Rückkehr Ciceros wurde mit einem Zug über das Forum zum Kapitol vollendet: Cic. Att. 4,1,5. 8  Sen. epist. 56; hierzu G. E. Thüry, Müll und Marmorsäulen. Siedlungshygiene in der römischen Antike, Mainz 2001; H. Schneider, Cloaca Maxima – Schmutz und Sau- berkeit im antiken Rom, JfG 4 (1985), 12–17. K. Hopkins, From Violence to Blessing: Symbols and Rituals in Ancient Rome, in: A. Molho/K. Raaflaub/J. Emlen (Hg.), City States in Classical Antiquity and Medieval Italy, Stuttgart 1991, 479–498, insb. 484–488, hat auf die Bedeutung des materiellen und emotionalen Umfeldes bei der Analyse von Ritualen aufmerksam gemacht. 9  Liv. 29,25,3–4; Plut. Flam. 10; Pomp. 25; Val. Max. 4,8,5; Cass. Dio 36,30,3; Sall. Iug. 34,1 (  fragor  ); Cic. Sest. 34; Pis. 28; Cass. Dio 38,16,5; Vir. ill. 73,1 ( lapidatio ); Plut. Pomp. 48 (Mist). 10  Mart. 9,100,5 f.; 12,18,4 f.; Iuv. 1,96: der Patron bezahlt für seinen Anhang Togen (allerdings solche minderer Qualität). Anschaulich zur „Kleiderordnung“ K.-W. Weeber, Alltag im Alten Rom. Ein Lexikon, 3. Aufl. Düsseldorf/Zürich 1997, 205– 208.  Christian Ronning 60 Stoffbahnen nur mit Mühe geordnet und an ihrem Platz gehalten werden konnten. Der kaiserzeitliche Rhetoriklehrer Quintilian gab detaillierte Anwei-sungen, wie dies in korrekter Form zu bewältigen war; und führte gleichzeitig auf, welche von der Norm abweichenden Arten, die Toga zu tragen, auf einen wirklichen Römer nur degoutant wirken konnten bzw. auf welches charakter-liche Defizit sie schließen ließen: 11  Es gab also eine regelrechte Semiotik die-ses Prunkgewandes. Indem die Toga nur sehr begrenzt Bewegungen zuließ, zwang sie ihren Träger jedenfalls zu einem gravitätischen Auftreten, das ihn von der Umgebung abhob – und darauf kam es schließlich an. „Einfache“ Rö-mer ersparten sich das Anlegen der Toga, wann immer es ging, trugen die leichte Tunika und überließen den im doppelten Sinne gewichtigen Habitus nur zu gerne den Senatoren. Römische Politiker waren also in besonderer Weise in ihrer Stadt präsent: weithin sichtbar durch Kleidung und Anhang, immer inmitten einer Menge von Menschen und in ihren Bewegungen auf das Zentrum des römischen Le- bens hin orientiert. Präsenz, physische Präsenz, hatte eine viel intensivere Be-deutung als heute, man stand unmittelbar mit seinem Körper (und den Kör- pern seiner Freunde und Klienten) ein: Gestik und Mimik, Kleidung und Gang unterlagen steter Beobachtung und galten als höchst zeichenhaft; 12  so konnte es etwa bei Redeschlachten von Vorteil sein, sich im geeigneten Moment, in der Hitze der Auseinandersetzung, das Gewand vom Leib zu reißen und den Zuschauern das eigene, mit im Kampf davon getragenen Narben bedeckte Fleisch zu präsentieren. 13  Befanden sich diese zudem ausnahmslos auf der Vorderseite des Körpers, hatte ihr Träger dem Feinde also nie zur Flucht den Rücken zugewendet, war die virtus , die Mannhaftigkeit und Charakterfestig-keit des wahren Römers erwiesen. Und der Zeichenwert dieser Narben ver-mochte ein politisches „Programm“ in unserem Sinne durchaus zu ersetzen. 11  Quint. inst. 11,3,137 ff.; vgl. Suet. Aug. 40,5: Augustus beauftragt die Aedilen, die Kleidung der Passanten auf dem Forum zu kontrollieren, mit der Maßgabe, das Tra-gen der Toga durchzusetzen. 12  Cic. leg. 1,27; Sest. 19; Pis. 1. S. dazu A. Corbeill, Nature Embodied. Gesture in An-cient Rome, Princeton 2004, insb. Kap. 1. 4. 5; C. Edwards, The Politics of Immora-lity in Ancient Rome, Cambridge 1993, insb. 63–97; J. Connolly, Mastering Corrup-tion. Constructions of Identity in Roman Oratory, in: S. R. Joshel/Sh. Murnaghan (Hg.), Women and Slaves in Greco-Roman Culture. Differential Equations, Lon-don/New York 1998, 130–151, insb. 133–137. 13  Liv. 45,35,7–39,20; Plut. Aem. Paull. 30–32. Dazu E. Flaig, Ritualisierte Politik. Zeichen, Gesten und Herrschaft im Alten Rom, Historische Semantik 1, Göttingen 2003, 123–136.  Stadteinzüge in der römischen Republik 61 Wenn sich nun einer der führenden Männer Roms auf Zeit aus diesem poli-tischen Kraftfeld entfernen wollte oder mußte – wenn er in den Krieg, in die Verbannung, in die Provinzen oder einfach nur auf seine Landgüter ging, war dies eine prekäre Angelegenheit, die zumal in politisch angespannten Situatio-nen nicht ohne Risiko blieb. Kein nobilis  konnte sich klammheimlich den überwachenden Blicken seiner Standesgenossen und Mitbürger entziehen, ohne die eigene Stellung zu gefährden. 14  Dies galt erst recht für die Heimkehr: Kam man nach längerer Abwesenheit nach Rom zurück, war es oberste Priori-tät, sich auf der politischen Bühne zurückzumelden und zugleich seiner An-hängerschaft zu vergewissern – mithin seines aktuellen Status und seiner Stel-lung in der römischen Gesellschaft. Auf den Formen, in denen dies geschah, und ihrer Funktion soll der Schwerpunkt des vorliegenden Beitrags liegen. Rom hat, der Bedeutung des Ereignisses entsprechend, bereits in der Zeit der Republik relativ feste, bis zu einem gewissen Maße stereotypisierte Formen für die Rückkehr eines führenden Mannes und seinen Einzug in die Stadt ent-wickelt. Die unter dem Begriff  Adventus  gefaßte Zeremonie läßt sich ideal-typisch in mehrere Sequenzen, in unterschiedliche Bausteine zerlegen: 15  (1)   Die Annäherung des Heimkehrenden   an die Stadt, (2)   seine Einholung durch die Mitbürger, die ihm ein Stück entgegengehen ( occursus, obviam itio ), 16   14  Es sei denn, die Gründe und Umstände der Abreise waren ohnehin so ehrschädigend, daß man die Abreise bei Nacht bevorzugte, um weiteren Schmähungen zu entgehen: Cic. Att. 7,10: subito consilium cepi, ut, antequam luceret, exirem, ne qui conspectus  fieret aut sermo ... (Januar 49 v. Chr., am Beginn des Bürgerkriegs). 15  Vgl. für das kaum veränderte Zeremoniell in der Kaiserzeit J. Lehnen, Adventus Principis. Untersuchungen zu Sinngehalt und Zeremoniell der Kaiserankunft in den Städten des Imperium Romanum, Prismata 7, Frankfurt a. M. u. a. 1997, 105–196, Überblick 105, Schaubild 405. Weitere wichtige Arbeiten zum Phänomen: W. K. La-cey, Coming Home, in: Ders., Augustus and the Principate. The Evolution of a Sys-tem, ARCA 35, Leeds 1996, 17–56; S. Benoist, Rome, le Prince et la Cité, Paris 2005, 19–101; P. Dufraigne, Adventus Augusti, Adventus Christi. Recherche sur l’exploitation idéologique et littéraire d’un cérémonial dans l’antiquité tardive, Paris 1994. 16  Bei besonders herausgehobenen Bürgern machten sich die Spitzen der Stadt sogar auf den Weg, ihm ein Stück entgegenzureisen, vgl. für die Vorbereitungen anläßlich der Rückkehr Caesars aus Spanien (45 v. Chr.) Cic. Att. 13,55(50),3–4: Quaeris, quid cogitem de obviam itione? quid censes nisi Alsium? et quidem ad Murenam de hospitio scripseram, sed opinor cum Matio profectum. Silius tuus igitur urgebitur.  –
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